Für den Begriff "Studie" gibt es keine Definition. Im allgemeinen Sprachgebrauch geht man davon aus, dass es sich dabei um eine wissenschaftliche Untersuchung handelt. Mit Wissenschaft werden der Stand der Technik und objektiv nachprüfbare, auf Fakten basierende, reproduzierbare Erkenntnisse verbunden. In Studien der Kosmetik und der Pharmazie geht es am häufigsten um den Wirkungsnachweis eines Stoffes, Pflege- oder Arzneimittels – dessen Verträglichkeit oder (schädliche) Nebenwirkung. Bei den veröffentlichten Ergebnissen handelt es sich durchweg um Zusammenfassungen. Die zugrunde liegenden Studienprotokolle sind in der Kosmetik- und mehr noch in der Pharmaindustrie für das Publikum meist nicht zugänglich.
Studienaufbau
Relevante Studien werden – sofern sie publiziert wurden – in PubMed1 referiert. Man kann entweder dort nach ihnen oder auch in der Suchmaschine Google Scholar2 suchen. Ein typischer Studienablauf mit einem kosmetischen oder dermatologischen Wirkstoff ist beispielsweise so protokolliert:
- Ein definierter Wirkstoff wird an einer genügend großen Anzahl von Probanden, charakterisiert durch Alter, Geschlecht, Hautkondition und gegebenenfalls spezielle Gewohnheiten, geprüft.
- Der Wirkstoff wird in festgelegten Konzentrationen, nach einer reprozierbaren Herstellanweisung mit einer Grundlage vereinigt und die Mischung (Salbe, Creme, Gel, Lotion) wiederum in definierter Menge in festen Zeitintervallen auf ein festgelegtes Hautareal aufgetragen (Produkt I). Nebenbedingungen sind z. B. die Applikation nach einer genau einzuhaltenden Hautreinigung und das Verbot, andere Produkte zu verwenden.
- Ein Produkt II mit möglichst ähnlichem Aufbau, aber bekannter Wirkung, dient als Standardvergleich. Weder Probanden noch die Prüfer der Produkte dürfen wissen, welchen Probanden Produkt I oder II appliziert wurde (Doppelblind-Studie).
- Anhand von Hautmessungen nach einem festgelegten Zeitraum erfolgt eine statistische Auswertung der Ergebnisse – mit dem Ziel, eine möglichst signifikante, d. h. belastbare Aussage zu erzielen.
Umgang mit Studien
Die Mehrzahl der Studien sowohl in der Kosmetik als auch Pharmazie erfüllt die wissenschaftlichen Standards nicht.3 Über fehlerhafte Studien – wie etwa zu Hyaluronsäure, oralen Kollagenpräparaten, Aluminium Chlorohydrate (INCI) – wurde kürzlich berichtet.4 Darüber hinaus sind Manipulationen der Ergebnisse vor allem in der Pharmazie an der Tagesordnung.5 Unzulässig ist es auch, In-vitro-Studien, also zum Beispiel reine Labormessungen im "Reagenzglas" oder an Zellkulturen, auf die Wirkungen am Menschen (in-vivo) zu übersetzen. Ahnungslose Betrachter übersehen diesen Unterschied im Rahmen einer Publikation leicht, wenn nicht explizit darauf hingewiesen wird. Nachgeordnet unwahr ist die Werbung mit Studienergebnissen, wenn eine Wirkung zwar nachgewiesen wurde, diese aber aufgrund sehr niedriger Einsatzkonzentrationen eines Wirkstoffs bei einem späteren Verkaufsprodukt gar nicht eintreten kann. Das ist typisch für Präparate mit einer Vielzahl von INCI-Codierungen und entsprechend niedrig dosierten Einzelkomponenten. Ein besonderes Kapitel sind Studien, die als "orientierend" vorgestellt werden, d. h. wissenschaftliche Qualitätsstandards außer Acht lassen und mit möglichst großer Schlagzeile publiziert werden – und dem Hinweis, dass genauere Untersuchungen folgen werden, was in der Regel aber nie geschieht. Beispiele sind die Berichterstattungen zu Aluminium (Brustkrebs), Parabenen (endokrine Aktivität), die durch spätere Studien relativiert wurden. In ähnlichen Fällen werden in unzulässiger Weise statistische Methoden verwendet, zu deren Anwendung die Anzahl der Probanden nicht ausreicht. Sogenannte Verzerrungen (engl.: Bias)6 von Studienergebnissen treten auf, wenn die Auswahl von Probanden nicht repräsentativ ist, oder wenn bei Meta-Analysen, d. h. bei der Zusammenfassung der Ergebnisse vieler Einzelstudien, nur ein Teil berücksichtigt wird oder ergebnislose Studien ausgeschlossen werden. Analog sind Ausschlüsse von Messergebnissen – nicht nur von "Ausreißern" – in der Auswertung einer Studie nicht unüblich und finden in Publikationen keine Erwähnung. Als Seeding-Trials werden Studien bezeichnet, zu denen kostenlos Produkte verteilt, von Probanden geprüft und deren Beurteilungen ausgewertet werden. Sie sind reines Marketing und gelten als unwissenschaftlich. Die subjektiven Bewertungen werden bei Mitverwendung von Vergleichspräparaten zusätzlich von Placebo- und Nocebo-Effekten begleitet. Wenig wissenschaftlich sind auch Studien, die mit der willkürlichen Korrelation statistischer Daten arbeiten. Die sich daraus ergebenen Signifikanzen machen keinen Sinn, wenn die Datenreihen in keiner Beziehung zueinanderstehen, also auch keine Idee zu einer Ursache-Wirkungsbeziehung besteht. Dieser Situation begegnet man immer wieder in medizinischen Arbeiten. Ein wichtiger ethischer Bestandteil wissenschaftlicher Studien ist die Nennung der Autoren und ihrer Interessenskonflikte und/oder Sponsoren. Aber auch hier ist nicht alles Gold, was glänzt, da es viele Möglichkeiten der indirekten Einflussnahme und Finanzierung gibt. Selbst Ghostwriter kommen vor.
Kosmetische Inhaltsstoffe
Die folgenden Beispiele zeigen einige Ungereimtheiten, die im Zusammenhang mit kosmetischen Studien auftreten können.
- Toxikologische Untersuchungen zur Schädlichkeit, wie sie seinerzeit mit hohen, unrealistischen Konzentrationen an Tieren mit Formaldehyd durchgeführt wurden, führten zu einem vollständigen Verbot. Formaldehyd-abspaltende Konservierungsstoffe durften jedoch weiterhin verwendet werden.
- Beim Nachweis einer Wirkung oder Nebenwirkung von Naturstoffen wie etwa Pflanzenölen fehlen häufig genaue Informationen über Provenienz, Aufbereitung und genaue chemische Zusammensetzung (in diesem Fall: Fettsäurebesetzung der Triglyceride, Art und Konzentration von Nebenprodukten), die im sinngemäßen Teil "Material and Methods" einer seriösen Studie zwingend enthalten sein müssten.
- Mit Richtlinie 2009/6/EG wurde Vitamin K1 (INCI: Phytonadione) in Kosmetika verboten, weil aufgrund festgestellter Allergien die Gefahr einer Vorsensibilisierung besteht, die spätere lebensrettende therapeutische (medizinische) Maßnahmen gefährdet. Die eigentliche Ursache, nämlich das im Vitamin K1 enthaltene reaktive Epoxid (trans-Epoxyphytomenadion ≤ 4.0%), das intermediär zwar im Körper physiologisch vorkommt, aber topisch ganz anders reagiert, wurde nicht untersucht.
- Bei Produkten, die auf ihre Verträglichkeit bzw. Reizungen geprüft werden sollen, muss ein Standard-Irritans wie etwa Sodium Lauryl Sulfate (INCI) zum Vergleich mit aufgetragen werden. Ohne den Vergleich sind die Messungen und die daraus erfolgenden Aussagen wertlos.
- Freie Radikale sind schädlich – so die allgemeine Auffassung. Sie werden auch bei Infrarotstrahlung erzeugt, die zur Therapie eingesetzt wird und bekanntermaßen heilsam ist. Ein ähnliches Phänomen tritt nach dem Sonnenbrand (Erythem) auf. Wegen der festgestellten Radikalbildung Radikalfänger wie etwa Antioxidantien oder topisches Vitamin C zu empfehlen, ist kontraproduktiv, da die Radikale Teil des endogenen Heilungsprozesses sind.7
Nahrungsergänzungsmittel
Bei Studien über die Wirkung von Nahrungsergänzungsmitteln auf die Haut, müssen die Ernährungsgewohnheiten der Probanden berücksichtigt werden. Bei tierischen oder synthetisch nachempfundenen Proteinen wie Collagen etwa kann man bei Vegetariern – mit einem mittlerweile hohen Prozentsatz in der Bevölkerung – eher eine Wirkung erwarten, als bei Menschen, die regelmäßig Fleisch und vor allem Wurst verzehren. D. h. beide Gruppen müssen entsprechend protokolliert und gesondert ausgewertet werden. Ebenso wichtig ist es, die Trinkgewohnheiten von Probanden bei Straffungs- und Faltenmessungen genau festzulegen. Dazu noch der Hinweis, dass die statistisch gemessene Reduktion von Falten oder auch Pigmentflecken im unteren Bereich häufig mit dem bloßen Auge nicht sichtbar sind. Die in nachgeordneter Werbung verwendeten Vorher-Nachher-Fotos sind selten standardisiert. Zu beachten ist auch, dass in die Messergebnisse saisonale Einflüsse eingehen. Viele Hautmessungen wie die des TEWL werden daher erst ab dem Spätherbst durchgeführt.
Arzneimittel & Dermatologie
Über die Hemmung von Enzymen liest man ständig in medizinischen und kosmetischen Studien. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden. Zur ganzen Wahrheit gehört aber, dass bei der Hemmung von Enzymen in biochemische Gleichgewichte eingegriffen wird und an anderer Stelle Nebenwirkungen entstehen, auf die hingewiesen werden muss. Ein Beispiel sind die schmerzlindernden Cyclooxygenasehemmer (NSAID), die bei längerem Gebrauch nicht nur Magengeschwüre erzeugen können, da sie in den Prostaglandin-Stoffwechsel eingreifen. Auch die Haut kann davon betroffen sein. Die gleiche Situation trifft man in der Kosmetik an: Kurzzeit-Beobachtungen zu Fruchtsäure-Peelings zeigen beachtliche Regenerationsleistungen. Dagegen führen Langzeitbehandlungen zu einer erhöhten Prävalenz von Rosazea und perioraler Dermatitis – also dem genauen Gegenteil einer Anti-Aging-Wirkung. Ein aus der Norm fallender Laborwert, wie etwa ein leicht erhöhter Cholesterinspiegel, führt bei der Behandlung mit cholesterinsenkenden Arzneimitteln in einem bestimmten Zeitraum nicht unbedingt zur Senkung der Mortalität gegenüber der unbehandelten Gruppe – erzeugt aber zwangsläufig Nebenwirkungen – auch auf der Haut. Man spricht diesbezüglich auch von Surrogatmarkern (Ersatzmarker),8 die leicht messbar sind, aber individuell nicht hinreichend relevant sind.
Fehlende Studien
Fehlende Studiendaten von Isoflavonen, die insbesondere in Asien in der Nahrung natürlich vorkommen, haben dazu geführt, dass es in der EU keine endgültige physiologische Bewertung gibt und alle Soja-basierten Extrakte, die Daidzein enthalten, als nicht sicher eingestuft und reglementiert werden. Andere, weniger bekannte Naturstoffe werden ungeprüft in der Kosmetik verwendet. Als Beispiel sei das Hydroxymethoxyphenyl propylmethylmethoxybenzofuran (INCI) genannt, das in geringer Menge im Nelkenöl und neuerdings in Reinsubstanz in Produkten zur Stimulation der Fettzellenproliferation im Lippenbereich ("aufpolsternde" Wirkung) vorkommt. Aufgrund der Wirkung und der chemischen Strukturelemente, die dem Diethylstilbestrol (Estrogen-Rezeptor-Modulator) ähneln, liegt der Verdacht nahe, dass es sich um einen endokrinen Disruptor handelt. Das BfR Bundesinstitut für Risikobewertung wurde gebeten, sich dieser Frage anzunehmen.
Literatur
- https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
- https://scholar.google.de
- Ionannidis J, Why most published research findings are false, PLoS Medicine 2005, 2 (8):e124
- H. Lautenschläger, Studien in der Kosmetik – Was ist wahr? medical Beauty Forum 2018 (3), 14-18
- Peter C. Gøtzsche, Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität, Riva Verlag, München, 5. Auflage 2022, ISBN: 978-3-7423-1161-0
- https://www.aerzteblatt.de/archiv/66222/Vermeidung-verzerrter-Ergebnisse-in-Beobachtungsstudien
- Referenzen siehe: H. Lautenschläger, Antioxidantien und Radikalfänger – zu viel ist zu viel, Ästhetische Dermatologie (mdm) 2015 (8), 12-16
- https://de.wikipedia.org/wiki/Surrogatmarker
Dr. Hans Lautenschläger
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