Die ersten zellförmigen Lebensformen entstanden in den Ur-Ozeanen. Aus ihnen entwickelten sich im Laufe der Jahrmillionen Vielzeller, die außer ihrem zellförmigen inneren Aufbau komplizierte Organe und Kreisläufe entwickelten, in denen wiederum funktionelle Kompartimente – durch Membranen umschlossen – enthalten sind und unterschiedlichste Aufgaben ausführen.
Zellmembranen
All diesen Organismen ist gemeinsam, dass ihre Membranen neben anderen Stoffen, die für den Transport von innen nach außen und umgekehrt zuständig sind, Phospholipide enthalten. Sie ermöglichen die Membranstrukturen. Typisch ist ihr doppelschichtiger Aufbau (engl. Bilayer) mit Phosphatidylcholin als mengenmäßig häufigsten Bestandteil.

Abb.: Zellmembranausschnitt1
Liposomen
Künstliche Nachbildung von Zellen mit Phosphatidylcholin übten schon sehr früh eine besondere Faszination aus. Im Jahre 1964 wurden sie erstmals beschrieben2 und erhielten im Jahre 1968 die Bezeichnung "Liposomen".3 Schnell kamen erste Ideen auf, die den humanen Zellen größenmäßig gleichenden Körper mit ihrer physiologisch kompatiblen Zusammensetzung als Transportkörper für Arzneistoffe, insbesondere im Bereich der Tumorbekämpfung zu nutzen. Der breite Einsatz intravenöser Applikationen scheiterte später letztlich daran, dass die Liposomen in ihren ursprünglichen Zusammensetzungen eine gewisse physikalische Instabilität und das enthaltene Phosphatidylcholin über eine begrenzte chemische Stabilität4 verfügte. Ein weiterer wichtiger Punkt war die Konservierung. Pflanzliches Lecithin und das aus ihm gewonnene Phosphatidylcholin inaktiviert mehr oder weniger alle Konservierungsstoffe5, abgesehen davon, dass die Fettsäurebesetzung (Linolsäure, alpha-Linolensäure und gesättigte langkettige Fettsäuren) je nach Provenienz und Jahreszeit eine gewisse Bandbreite hat. Außerdem fusionieren Liposomen bei systemischer Anwendung auf ihrem Weg gern mit anderen Kompartimenten bevor sie am Zielort ankommen. Medikamentös wurden aber z. B. die Antimykotika Econazol (Pevaryl® topisch) und Amphotericin B (intravenös)6 realisiert.
Wirkstofftransport
Diese Eigenschaften der Liposomen waren allerdings kein Hindernisgrund für den Einsatz in Kosmetika, und so kam es zu einem typischen Hype in der Kosmetik7, der wie üblich nur wenige Jahre anhielt, aber unterlegt war durch eine kontinuierliche bis heute anhaltende Weiterentwicklung dieser Systeme. Für die Haut waren sie von Anfang an von Bedeutung, da Liposomen-Bilayer mit dem analogen lipiddoppelschichtigen Aufbau der Hautbarriere fusionieren können. Bei diesem Prozess wird der Transport von insbesondere hydrophilen Wirkstoffen durch die Hautbarriere ganz wesentlich erleichtert. Mit anderen Worten: Liposomen sind ein physiologischer Penetrationsverstärker (Carrier) par excellence.8
Exosomen
Ähnlich wie die Liposomen funktionieren flüssige Nanopartikel gleicher Größe mit einer einschichtigen Phosphatidylcholin-Membran. Sie ermöglichen den Transport von lipophilen Wirkstoffen durch die Hautbarriere.9 Den Liposomen ebenfalls ähnlich sind die kleineren Exosomen.10 Es handelt sich um sphärische Zellbestandteile mit Membranen aus Phosphatidylcholin, die bei Bedarf ausgeschleust (Exozytose) und an die Zellumgebung abgegeben werden. Exosomen haben Transport- und Messenger-Funktionen, indem sie entsprechende bioaktive Signalmoleküle enthalten, die mit anderen Zellen kommunizieren. Die in der Kosmetik anzutreffenden pflanzliche Exosomen kommen z. B. in kaltgepressten Pflanzensäften vor. Tierische und menschliche Exosomen werden aus Körperflüssigkeiten (z. B. Blut), Gewebe, und unterschiedlichsten Zellen (z. B. Thrombozyten) isoliert, aufbereitet und in der ästhetischen Medizin verwendet. Die topisch oder per Spritze erfolgenden Applikationen dienen der Hautregeneration und werden gegen Hautalterung, Entzündungen, Haarausfall und Hyperpigmentierung verwendet.
Lamellare Gele
In aller Stille vollzog sich eine andere Entwicklung, die 1979 mit einer Dissertation unter dem unspektakulären Titel "Herstellung und Stabilisierung von Emulsionen mit Hilfe von Lecithin" begann. In dieser Arbeit wurde gezeigt, wie man aus hydriertem Phosphatidylcholin (PC-H) in Wasser planare (lamellare) Lipiddoppelschichten erzeugen kann. Unter Zuhilfenahme von Ultraschall oder erstmalig eines Hochdruckhomogenisators ließen sich stabile lamellare Gelphasen herstellen.11 Mit gängigen Rührwerkzeugen gelingt das nicht; es ergeben sich dabei nur instabile Dispersionen. PC-H ist wie ungesättigtes Phosphatidylcholin ein physiologischer Grundstoff, aber mit einer Fettsäurebesetzung aus langkettigen, ausschließlich gesättigten Fettsäuren.
Lamellare Hautbarriere
Elektronenmikroskopische Aufnahmen konnten später zeigen, dass die entstandene Struktur exakt dem physikalischen Aufbau der Hautbarriere mit ihren planaren Lipiddoppelschichten entsprach12, deren Zusammensetzung aus dem molaren Verhältnis von Ceramiden/Cholesterin/langkettigen Fettsauren 1 : 0,9 : 0,4 besteht.13 Später wurden die anfänglich reinen PC-H-Gele zusätzlich mit Hautbarrierebestandteilen oder analogen Stoffen wie Sterinen und Ceramiden ausgerüstet und kamen somit der Zusammensetzung und den biochemischen Eigenschaften der lamellaren Hautbarriere immer näher. Parallel sind ursprünglich geschützte Bezeichnungen zu technischen Begriffen mutiert. Ein Beispiel ist etwa Derma Membran Struktur (Abkürzung: DMS), die in diesem Zusammenhang mitunter auch als hautidentisch oder biomimetisch bezeichnet wird. Die lamellaren Komponenten erwiesen sich bis heute als sehr variabel, was die Ausstattung mit Fettsäuren, Sterinen, Wachsen, Ölen, Ceramiden und deren Dosierungen betrifft. Die Einarbeitung der Ceramide kann allerdings wegen ihrer Schwerlöslichkeit ein kritischer Punkt sein. Ein Qualitätsmerkmal lamellarer Basis-Produkte ist daher die Abwesenheit mikrokristalliner Ceramid-Reste in Konzentraten, die unter dem Polarisationsmikroskop sichtbar werden. Aus Konzentraten hergestellte, gestreckte Produkte enthalten zusätzliche Konsistenzgeber wie etwa Hydroxyethylcellulose.
Physiologischer Hautschutz
Lamellare Produkte sind vielseitig einsetzbar. Naturgemäß ist der betriebliche Hautschutz von besonderem Interesse.14 Lamellare Präparate haben zur Abkehr von emulgator- und paraffinhaltigen Schutzpräparaten beigetragen15 und kommen z. B. zum SOS-Einsatz, wenn konventionelle Systeme im betrieblichen Alltag an ihre Grenzen stoßen und nicht wirksam genug sind.16,17 Andererseits sind durch den gleichzeitigen Einsatz von PC-H und Phosphatidylcholin lamellare Gelpräparate möglich, die bei Problemhäuten eingesetzt werden.18
Mikrostruktur der Hautbarriere
Die intakte lamellare Struktur der Hautbarriere liegt in einer orthorhombisch dichtesten Packung vor. Bei Störungen wie etwa der atopischen Haut überwiegt eine weniger dichte hexagonale Packung. Die Packungen und ihre Übergänge wurden in den letzten Jahren intensiv untersucht19 und sind von Hauttemperatur, individueller Zusammensetzung der Bilayer sowie ihrer lokalen Position in den Schichten der Hautbarriere abhängig. Orthorhombisch-dichteste Packungen sind häufig bei einheitlich aufgebauten Lipiden anzutreffen, die als Komponenten in der Hautpflege verwendet werden.20 Damit a priori eine besonders hohe Stabilität bzw. geringe Durchlässigkeit bei einer Schichtanordnung zu verbinden ist nicht ganz korrekt, da die chemische Struktur und ihr Lösungsverhalten bei Kontakt mit anderen Stoffen eine entscheidende Rolle spielen. Noch komplexer wird es bei Mehrstoffsystemen wie der Hautbarriere. Bei der Einwirkung von tensidischen Lösungen, wie sie beispielsweise zur Hautreinigung verwendet werden, erweisen sich die Ceramide der Hautbarriere am widerstandsfähigsten und werden zuletzt herausgelöst. Daher ist auch die orthorhombische Packung eines lamellaren Hautpflegeproduktes weder ein technisches Alleinstellungsmerkmal,21 noch die Garantie für einen besonders hohen Schutzfaktor,22 insbesondere wenn die Eigenschaften nicht mit lamellaren Produkten, sondern mit einem Placebo alias konventionelle Emulsion verglichen werden.23 Eine Studie mit einheitlich aufgebauten Modell-Phospholipiden wie Dipalmitoylphosphatidylcholin (DPPC) und Distearylphosphatidylcholin (DSPC)24 lässt erahnen, wie komplex die Realität25 ist. Vergleiche lamellarer Zusammensetzungen untereinander sind Mangelware. Komplexität und verschiedene Einflussfaktoren auf die Packungen wurden aber bereits früher detailliert beschrieben.11 In der Produktion werden lamellare Konzentrate für die späteren Anwendungen mit zusätzlichen Wirkstoffen und Hilfsstoffen zu Endprodukten verarbeitet. Messungen zur Packungsdichte dieser letztendlich angewandten Vielstoffsysteme liegen in der Regel nicht vor. Es versteht sich von selbst, dass Penetrationsverstärker, wie z. B. Ölsäure zu Veränderung in den Hautbarriere-Packungen führen. Das gilt vor allem auch für Liposomen. Die in der Barriere ablaufenden Prozesse können sehr gut über den zeitlichen Verlauf des transepidermalen Wasserverlustes (TEWL) verfolgt werden. Es liegt in der Natur der Sache, möglichst diese physiologischen oder physiologisch kompatiblen Penetrationsverstärker in Dermatologie und Kosmetik zu verwenden. Bei auf Phosphatidylcholin basierenden Liposomen kann man beobachten, dass sich der nach der Applikation erhöhte TEWL nach Stunden normalisiert. Die Normalisierung lässt sich durch die direkte Folgeanwendung von lamellaren PC-H-Präparaten beschleunigen. In der von A. M. Kligman begründeten Korneotherapie26 wird diese Verfahrensweise auch als erweiterte Korneotherapie bezeichnet.27
Lipidkomponenten lamellarer Formulierungen
Neben Pflanzenölen mit niedrigen Packungsdichten werden Butter-ähnliche Stoffe wie Sheabutter oder Wachse wie Carnauba-Wachs in lamellaren Präparaten verwendet, daneben auch Squalan (Kohlenwasserstoff; hydrierte Form des Sebum-Squalens) und synthetische Ester(öle) wie Isostearylisostearat. Letztendlich gibt es eine Unzahl von Kombinationen, die auf die individuelle Haut zugeschnitten werden können. Bei einer zu Akne und Unreinheiten neigender Haut wird man eher mit Pflanzenölen arbeiten, die durch ihren Anteil essenzieller Fettsäuren und ihre Substratfunktion für die epidermale 15-Lipoxygenase (15-LOX) entzündungshemmende Metaboliten bilden, während im Hautschutz Wachse oder auch Triglyceride gesättigter Säuren wie Trihydroxystearin verwendet werden. In Produkten für die atopische Haut können Gamma-Linolensäure-haltige Pflanzöle wie Borretsch- oder Nachtkerzenöl eine sinnvolle Ergänzung sein; sie gleichen einen gegebenenfalls bestehenden Defekt der Delta-6-Desaturase aus. Mit den aus mehreren Komponenten bestehenden Lipidphasen lassen sich Barrierelücken-füllende (regenerative), hautschützende und entzündungshemmende Eigenschaften anteilig einstellen.
Wirksamkeiten
Nicht nur in Emulsionen, sondern mittlerweile auch in lamellaren alias multilamellaren oder ortholamellaren Produkten werden Wirksamkeiten wie Regeneration, Linderung (engl. Relief), Entzündungs-, Rötungs- und Entzündungshemmung herausgestellt, die z. T. nicht von der Kosmetikverordnung (KVO) gedeckt sind. Zum Teil werden sie mit den lamellaren Strukturen in Verbindung gebracht, obwohl beim näheren Hinsehen auch zweifelhafte Additive wie etwa 4-tert-Butylcyclohexanol mitverwendet werden, das wie Laureth-9 (INN: Polidocanol) zu bewerten ist.28 Das schließt jedoch die Unterstützung der endogenen Regeneration der Hautbarriere durch die Anwesenheit exogener lamellarer Strukturen (ohne Additive) nicht aus.22
Apothekenrezepturen
Aufgrund der Vorteile physiologischer lamellarer Produkte bleibt zu hoffen, dass sie zu Indikationszwecken Eingang in die NRF-Rezepturen29 der magistralen Defektur der Apotheken finden.30 Denn in diesem Bereich werden noch viele pharmazeutische Rezepturen vorgestellt, die mit Barriere-schädigenden Emulgatoren, allergen wirkenden Konservierungsstoffen und regenerationshemmenden okklusiven Paraffinen ausgestattet sind. Lamellare Produkte ohne kontraproduktive Additive eignen sich insbesondere für die dermatologischen Hautpflege im Kindesalter.31 In der Ziegler Rezepturbibliothek ist mittlerweile mindestens eine konservierungsstofffreie lamellare Basiscreme enthalten.32 Sie enthält keine Ceramide, da Vertreter dieser Stoffklasse in der Europäischen Pharmakopöe (Ph. Eur.)33 bisher nicht gelistet sind. PC-H ist ebenfalls nicht in Ph. Eur. enthalten, es existiert aber ein gleichwertiges Drug Master File (DMF).34 Die lamellaren Basiscremes können sowohl in der Dermatologie als auch in der Kosmetik eingesetzt werden und erleichtern die Compliance sowie den Übergang zwischen dermatologischer Therapie und kosmetischer Prävention erheblich. Individuelle Einstellungen sind durch modulare Komponenten möglich, da sich lamellare Basiscremes durch Einrühren von flüssigen Lipiden und wässrige Wirkstofflösungen unschwer anpassen lassen.35 Ein weiterer Gesichtspunkt bei der Anpassung lamellarer Basiscremes mit regenerativer Zielsetzung ist die Tatsache, dass endogen gesteuerte regenerative Prozesse individuell verschieden ablaufen. Im Detail werden Lipide, freie Fettsäuren, Sterine und Ceramide bei gestörter Hautbarriere schneller, langsamer und in unterschiedlicher Quantität synthetisiert.36
Ausblick
Eine weitere Entwicklung besteht darin, die hautbarriereanalogen Komponenten inklusive hydriertem Phosphatidylcholin in paraffinfreien, wasserfreien Oleogelen37 zu verwenden. Sie haben den Vorteil, dass auf die in lamellaren Zusammensetzungen zurzeit noch eingesetzten Glykole und Polyglykole wie etwa Pentylenglykol, Hexylenglykol und Glycerin verzichtet werden kann. Der Phospholipidgehalt in Form von PC-H, aber gegebenenfalls auch PC, ermöglicht die Kombination mit polaren, wasserlöslichen kosmetischen und pharmazeutischen Wirkstoffen. Die Oleogele sind Mikrobiom-kompatibel, biologisch abbaubar und kommen ohne weitere, für wasserhaltige Produkte typische Hilfsstoffe, wie Konsistenzgeber, Komplexbildner und Konservierungsstoffe aus. Über die Packungsdichten dieser Produktklasse im Hinblick auf ihre spezielle Zusammensetzung und entsprechende Vergleiche zur Hautbarriere ist derzeit noch nichts bekannt.
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Dr. Hans Lautenschläger |